Ansprache zur Entpflichtung

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# Predigten Superintendent

Ansprache zur Entpflichtung

Predigt zur Entpflichtung von Pfr. Dr. Hans Hubbertz, 31.01.2025
Superintendentur, Gladbeck
1. Kor 3,11
Superintendent Steffen Riesenberg

Im Namen Gottes…

Tief im Mittelalter ging ein Mann auf einer verstaubten Straße seines Weges. Wo immer er auf Menschen stieß, blieb er stehen und fragte sie, was sie arbeiteten und für wen sie es taten. Denn seit geraumer Zeit wusste er um sein Leben nicht mehr Bescheid, wusste nicht mehr, was er tun sollte und wofür. Des Nachsinnens müde, war er ausgezogen, um von anderen Menschen zu hören, was sie bewegte. Auf diese Art wollte er in Erfahrung bringen, was ihm verloren gegangen war. Da stieß er auf einen Mann, der am Wegrand saß und ganz gebückt auf einen Stein einschlug.

Der Wanderer blieb stehen und schaute ihm lange zu. Da er seine Tätigkeit nicht verstand, fragte er ihn: "Freund, lange schon schaue ich dir zu, wie du auf diesen Stein einschlägst. Allein es mangelt mir an Verständnis. Freund, kannst du mir, einem Fremden und deines Handwerks Unkundigen, verraten, was du da machst?“

Ohne in seiner Tätigkeit innezuhalten, murmelte der Mann missmutig in seinen Bart: "Du siehst alles. Ich behaue einen Stein.“

Mit trüben Gedanken zog der Mann weiter. "Was ist das für ein Leben", dachte er bei sich, "die ganze Zeit Steine zu behauen?" 

Da seine Verwirrung nun noch größer war, betrachtete er es als ein Glück, als er wenig später wieder einen Mann da sitzen sah, der emsig auf einen Stein einschlug, in der gleichen Art wie zuvor der andere Mann. Auf ihn ging der Wanderer zu und fragte ihn sogleich: „Freund, wozu schlägst du auf diesen Stein?“ - Der Mann, etwas erschrocken von der unerwarteten Frage, antwortete nach einigem Zögern: „Siehst du nicht, Fremder, ich mache Ecksteine!“

Betroffen ob seiner Unwissenheit setzte der Wanderer seinen Weg fort. Die Verzweiflung in ihm wuchs, denn er konnte sich nicht abfinden mit dem, was er gesehen hatte. Sollte das ganze Glück des Lebens darin bestehen, Steine zu behauen oder Ecksteine zu machen?

In der Sorge seines Herzens versunken, hätte er beinahe übersehen, dass er wieder an einem Mann vorbeigekommen war. Auch dieser saß am staubigen Wegrand und schlug auf einen Stein ein, nach der Art, wie die beiden anderen Männer.

Der Wanderer blieb stehen und prüfte voller Staunen, was dieser Mann tat. Nachdem er sich überzeugt hatte, dass auch dieser Mann mit derselben Fertigkeit wieder auf einen Stein einschlug, ging er langsam auf ihn zu und richtete seine Rede, die er nicht weiter zurückhalten konnte, an ihn und fragte: „Freund, sag mir: Was ist deine Tätigkeit? Behaust auch du nur Steine, oder machst du gar Ecksteine?“

„Nein, Fremder“, antwortete der Mann und wischte sich den Schweiß von der Stirn, „siehst du denn nicht? Ich baue eine Kathedrale!“

Lieber Bruder Hans Hubbertz, heute verabschieden wir dich aus deinem Dienst als Pfarrer für gesellschaftliche Verantwortung in den Evangelischen Kirchenkreisen Gladbeck-Bottrop-Dorsten und Recklinghausen und aus deinem Amt als Assessor in unserem Kirchenkreis. Das Landeskirchenamt hat dich zu Ende Februar aus der 1. Pfarrstelle des Verbands in den Ruhestand versetzt.

Die Freunde mit den Steinen, von denen ich erzählt habe, lehren uns: Manches, was sich anfühlt wie Steinekloppen ist in Wirklichkeit ein wichtiger Beitrag zum Bau einer Kathedrale. Manches, was widerstrebt und sinnlos erscheint, ist in Wirklichkeit ein wichtiger Beitrag zum Bau der Kirche Jesu Christi in dieser Welt.

Die Gäste, die heute gekommen sind, spiegeln den Großteil deines Dienstes als Pfarrer in unserer Kirche wieder. Es sind Weggefährten und Kolleginnen aus zwei Kirchenkreisen, wenige waren schon da, als du anfingst, viele kamen später dazu. Es sind alles Menschen, die gerne mit dir zusammengearbeitet haben. Das kann ich ausdrücklich sagen für meine Kolleginnen in der Superintendentur. Wir alle sind Menschen, die deinen Beitrag zu dieser unsichtbaren Kathedrale gesehen haben, dir wir gemeinsam bauen.

In die Einladung für heute habe ich den gleichen Bibelvers (1. Kor 3,11) gesetzt wie bei deiner Einführung ins Assessorenamt vor zweieinhalb Jahren: 

Einen anderen Grund kann niemand legen außer dem,
der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.

Du hast immer wieder auf diesen einen Grund hingewiesen, der uns gelegt ist, den wir also eben auch nicht selbst legen können. Ich erinnere mich die Stellungnahme zur Hauptvorlage ‚Flucht und Migration‘, die du für beide Kirchenkreise vorbereitet hast. Mit deinem messerscharfen theologischen Intellekt hast du uns ins Stammbuch geschrieben: Wir können es noch so gut meinen mit den Menschen – wir machen uns doch nicht selbst gerecht. (Ich vermute, es würde sich auch im Lichte der aktuellen Debatten um die Migration lohnen, deinen Text von damals nochmal in die Hand zu nehmen.) Auch beim Klimaschutz hast du das betont: Wir können klimaneutral werden, aber das ist keine Ersatzreligion. Den Grund, auf dem wir stehen, auf dem wir leben, weben und sind, den legen wir uns nicht selbst. Und dabei hast gerade du dich mit dem Klimaschutz, den Emissionen und der Erderwärmung schon beschäftigt, als das noch lange nicht Thema der Synoden war.

Du hast nie gern viel Wesen um dich selbst gemacht – auch der Rahmen deiner Verabschiedung zeugt davon. Das ist ein Ausweis deiner Klarheit. Und dabei bist du in deinem Dienst Anwalt der Menschen gewesen, die sonst in unserer Kirche nicht viel Platz finden: Arbeiterinnen und Arbeiter, die Gewerkschaften und viele, andere, die durch dich Kirche noch einmal ganz neu kennengelernt haben: Ach so, ihr sprecht nicht nur Griechisch und Hebräisch, sondern auch Programmiersprachen! Und natürlich ist auch praktische Hilfe bei der Datenerfassung ein diakonischer Dienst an den Menschen, die neben der Kokerei wohnen!

Lieber Hans, für all das danke ich dir im Namen unserer Kirche. Und persönlich danke ich dir für deinen Beistand und deine Begleitung in den vergangenen zweieinhalb Jahren. Für unsere offenen Gespräche, für manche Ermunterung und für manchen guten Rat danke ich dir sehr. Meine Synodenberichte sind besser geworden, weil du sie korrekturgelesen hast. Und auch für die Male, wo du mich ermahnt hast, abzuwarten und ruhig zu bleiben, danke ich dir. Und natürlich dafür, dass ich entspannt in den Urlaub fahren konnte, weil ich wusste, dass du hier bist.

Es ist kein wirkliches Geheimnis, dass du auch nicht völlig im Frieden in den Ruhestand gehst. Manches bleibt unfertig, manche Transformation ist nicht gelungen, manche Erwartung enttäuscht. War am Ende doch alles nur staubiges Steinekloppen am Wegesrand? Ich glaube nicht. Ich glaube, dass Gott Menschen wie dich in seine Kirche beruft, weil du die Steine machst, die sonst nicht viele machen können. Vor lauter Staub sehen wir es manchmal nicht, und dann vergessen wir vor lauter Steinen auch, worum es eigentlich geht. Doch das Versprechen bleibt: Wir sind alle lebendige Steine. Wir bauen eine Kathedrale! 

Einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, 
der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.

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