07/11/2025 0 Kommentare
Gründonnerstag in St. Agatha
Gründonnerstag in St. Agatha
# Predigten Superintendent

Gründonnerstag in St. Agatha
Predigt zum Gründonnerstag, 17.04.2025
St. Agatha, Dorsten
Johannes 13,1-15
Superintendent Steffen Riesenberg
Die Diagnose hat sie beide fertig gemacht. Beide haben schon eine Zeit der Trauer hinter sich, über die erste Trauerphase sind sie hinweg: es zu akzeptieren. Sie haben Krebs, unheilbar, und in einigen Monaten werden sie sterben müssen. Im Krankenhaus begegnen die beiden Männer sich, als sie durch einen Zufall im gleichen Zimmer teilen müssen. Zwei Männer, so unterschiedlich, wie man sie nur ausdenken kann. Der eine ist Vorstandschef einer großen Krankenhauskette. (Er hätte eigentlich, natürlich, ein Einzelzimmer haben sollen. Es war sein eigener Geiz, der die Einzelzimmer in seinen Häusern abgeschafft hatte.) Er heißt Edward Cole, er ist erfolgreich, steinreich. Der andere heißt Carter Chambers, er arbeitet in einer Autowerkstatt und verdient mit Mühe und Not, was er zum Leben braucht.
Und während die Haare ausfallen und die Folgen der Chemotherapie immer deutlicher sichtbar werden, freunden sich Edward Cole und Carter Chambers miteinander an. Und nach ein paar Tagen kommt Carter auf die Idee, dass es vielleicht nicht die beste Idee ist, den Rest des Lebens im Krankenhaus zu verbringen und sich selbst zu bemitleiden. Wie wäre es, das Gegenteil zu tun? So kamen die beiden Männer auf die Liste. Die Liste der Dinge, die sie vor ihrem Tod noch erleben wollten.
Sie haben die Handlung vielleicht wiedererkannt. „Das beste kommt zum Schluss“, ein Film aus dem Jahr 2008, mit Morgan Freeman und Jack Nicholson den Hauptrollen. Der englische Name für eine solche Liste ist, auch durch den Film, ganz bekannt geworden: bucket list.
Die Frage ist nach wie vor aktuell, und sie taugt immer für ein interessantes Gespräch. Was möchtest du in diesem Leben noch erleben, bevor du stirbst? Einen Gipfel besteigen? Eine Luxuskreuzfahrt in der Karibik machen? Der Liebe des Lebens begegnen? Kinder bekommen? Enkelkinder bekommen?
Es werden ganz verschiedene Wünsche sein, und zugegeben, nicht alle eignen sich für unverbindlichen Smalltalk. Selbst, wenn es Herzenswünsche bleiben, die nicht ausgesprochen werden: Ich glaube, es ist wichtig und gut, diese Wünsche zu pflegen. Nicht wie eine Gebrauchsanweisung zum Glücklichwerden. Sondern als eine Erinnerung daran, dass unsere Zeit begrenzt ist. Oder wie es einer in der Bibel (Ps 90,12) singt: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“
Der Abend des Gründonnerstag ist der letzte Abend in Jesu Leben. Die Bibel erzählt, dass er wusste, dass seine Stunde gekommen war, dass er die Welt verlassen muss und zum Vater gehen wird. Was stand wohl auf seiner Liste? Wovon träumte er, was wollte er ins einem Leben noch erleben, bevor es auf so gewaltvolle Weise enden würde? Jesus’ bucket list steht im Johannesevangelium (13,1b).
Da er die Seinen liebte, die in der Welt waren, liebte er sie bis zur Vollendung.
Die Liebe. Sie steht auf Jesus’ Liste, und die Liebe ist der einzige Punkt auf der Liste. Und damit meint er nicht, geliebt zu werden, sondern selbst zu lieben, so viel wie irgendwie geht, mit Worten und mit Taten. Und weil uns in Jesus Gott selbst begegnet können wir uns darauf verlassen: Gott kann nur lieben.
Gott kann nur lieben. Denk an deine eigene Liste. Steht die Liebe drauf? Nicht die Liebe, die verlangt, die geliebt werden will und gesehen werden will, die Liebe, die sich nach Bestätigung sehnt. Sondern die Liebe, die sich selbst an die Welt verschenkt, bedingungslos.
Das ist die Liebe, die vor Menschen auf die Knie geht, um ihnen die Füße zu waschen. Die Liebe, für die weltliche und kirchliche Hierarchien gar keine Rolle spielen. Das ist die Liebe, die den eigenen Überfluss mit denen teilt, die nicht genug haben. Das ist die Liebe, die ansteckt. Das ist die Liebe, deren Zeichen nicht das Herz, sondern das Kreuz ist.
Und es ist nur diese Liebe, die unsere Welt retten kann. Dass die Welt heile wird, dass die Bedrohung und die Gewalt vom Angesicht der Welt verschwinden, danach sehnen sich viele Menschen. Ich auch. Und ich weiß auch: Ich selbst habe Anteil daran, dass die Welt ist, wie sie ist. Weil wir sie, bewusst oder unbewusst, so gemacht habe.
Wenn sich eine neue Zuversicht, ein neues Vertrauen auf der Erde ausbreiten soll, in unserer Kirche und in unseren Städten, dann müssen wir uns bei uns selbst anfangen. Dann muss ich bei mir selbst anfangen. Denn das einzige, was wir wirklich und zuverlässig ändern können, sind ja wir selbst: Unsere Hast, unseren Egoismus, unseren Stolz, unseren Mangel an Liebe und Nachsicht. Alle Versuche, die Welt zu verändern, ohne mehr Liebe zu wagen, die werden, glaube ich, scheitern. Auch wenn der Gedanken noch so gut ist.
Ich habe euch ein Beispiel gegeben,
damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.
Die einzige Art, die Welt zu verändern, ist es so zu machen wie Jesus. Bei sich selbst anzufangen und mehr Liebe zu wagen. Denn unser Glaube wird vor allem durch unser Leben sichtbar.
(Und das gilt insbesondere für die Kirche. Manchmal klagen wir darüber, dass das Vertrauen für die Kirche sinkt. Wir werden es nur zurückbekommen, wenn wir im Vertrauen auf Gott großzügig vergeben und Barmherzigkeit pflegen. Wenn Wort und Tat übereinstimmen. Der amerikanische Senator, der neulich über 24 Stunden lang gesprochen hat, bringt es auf die einfache Formel: „Bevor du mir von deinem Glauben erzählst, zeig ihn mir darin, wie du andere Menschen behandelst.“)
Und dabei ist die Liebe, von der Jesus spricht, keine warme Decke, die wir über alle und alles legen. Sie fordert Aufrichtigkeit. Sie fällt der billigen Vergebung ins Wort. Sie zwingt uns auf die Seite der Opfer von Gewalt. Diese Klarheit ist kein Widerspruch zur Liebe Jesu. Sie ist eine Folge der Liebe Jesu.
Die Geschichte von Edward Cole und Carter Chambers endet mit einer Beerdigung. Der eine sagt über den anderen: „Eines weiß ich! Als er starb, waren seine Augen geschlossen, aber sein Herz war offen.“
Und so ist dieser Gründonnerstag heute zuallererst kein Aufruf zu mehr Liebe, sondern eine Liebeserklärung:
Da er die Seinen liebte, die in der Welt waren, liebte er sie bis zur Vollendung.
Die Seinen – das sind wir. Gott kann nichts als Lieben, und sein Herz ist offen. Amen.
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