Gründonnerstag mit Erinnerung an die Ordination

Gründonnerstag mit Erinnerung an die Ordination

Gründonnerstag mit Erinnerung an die Ordination

# Predigten Superintendent

Gründonnerstag mit Erinnerung an die Ordination

Jede Woche vergesse ich es wieder. Drei einfache Sätze, die müsste man sich doch merken können: 

Du wirst geliebt.
Das Leben ist absurd.
Es ist schwer, Mensch zu sein. (1)

Und doch scheitere ich immer wieder genau an diesen Grundlagen. Da ist der nagende Zweifel wieder: Bin ich gut genug? Da ist die Sehnsucht nach Ordnung und Berechenbarkeit im Alltag. Da ist die Erwartung, dass es doch irgendwie leicht sein müsste, oder zumindest mit den Jahren leichter werden müsste, Mensch zu sein.

Der Teufel wählt seine Versuchungen klug. Er weiß, wo Menschen verwundbar sind – und ich mag mir gar nicht vorstellen, wie leicht ich mich nach vierzig Tagen ohne Essen von der Zinne gestürzt hätte, für einen Bissen Brot. Die drei Versuchungen drehen sich um Brot, um Wirksamkeit und um Schutz.

Beim Brot geht es um die Lebensgrundlage. Es ist kein Festmahl, sondern ein Grundnahrungsmittel. Es geht um das, was wir Menschen zum Leben brauchen. Jesus erinnert daran: Zum Leben braucht es viel mehr als Brot. Und doch ist das tägliche Brot eine Chiffre für alles das, was unsere Körper zum Leben brauchen.

Danach geht es um Macht, ich habe das mal Wirksamkeit genannt. Es gibt eine ganze Reihe von Studien, die zeigen, dass Menschen dann glücklich sind, wenn sie wirksam sein können. Deshalb ist es so wichtig, eine gute Arbeit zu haben. Deshalb ging es uns Pfarrerinnen und Pfarrern in der Pandemie selbst auch nicht gut: Weil wir gemerkt haben, wie wenig wirksam wir ohne Kontakt zu Menschen sein können. Und dann haben wir neue Formen des Kontaktes und der Wirksamkeit gesucht. So wie das Brot brauchen wir Menschen das Gefühl, etwas bewegen und verändern zu können. Der Teufel appelliert an die Machtgier, und da ist er bei Jesus natürlich falsch gewickelt. Der Teufel lernt hier schon, was Jesus später noch ausführlicher (Mk 10,43b–44) sagen wird: In Gottes Reich heißt Macht ausüben, den Menschen zu dienen. Deshalb: „Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.“

Und dann kommt noch ein drittes ganz wichtiges Bedürfnis: Schutz. Keine Angst haben zu müssen, im Frieden leben zu können. Die Zeiten zeigen uns, wie wenig selbstverständlich das ist. Und dabei geht es um den Schutz von Leib und Seele. Frieden, Schalom, das ist mehr als die Abwesenheit von Krieg. Dazu gehört auch die Freiheit der Gedanken und der Meinung, die Freiheit, sich zu versammeln, einen Partner oder eine Partnerin zu wählen, das eigene Leben bestimmen zu können, nicht zuletzt, den eigenen Glauben leben und feiern zu können.

Die drei Versuchungen drehen sich um Brot, um Wirksamkeit und um Schutz. Sie berühren dabei auch unsere Identität – als Christinnen und Christen und als Pfarrerinnen und Pfarrer.

Wo ist für dich die Wüste, im Alltag, also der Ort, an dem du dir selbst ehrlich begegnest, an dem du Gott begegnest? Das wird der Ort sein, an dem auch der Teufel auf dich wartet.

Wonach ist dein Hunger, der dich verführbar macht?

Wen betest du an, um satt zu werden an Leib und Seele, um wirksam zu sein, um sicher zu sein?

Wir tun gut daran, uns diese Fragen immer wieder zu stellen. Um wen geht es in unserem Dienst? Kommt der Dienst zuerst – oder die Macht? Das sind schwierige Fragen, gerade in unserem Dienst, gerade für uns, die wir heilige Texte auslegen und für die Menschen von heute übersetzen wollen.

Aus Gesprächen mit euch weiß ich, dass das Verhältnis zur eigenen Ordination durchaus unterschiedlich ist. Es ist ein persönliches Amt, es ist also von Anfang an klar, dass jede und jeder es ein wenig anders verstehen und ausfüllen wird. Die große Bedeutung unseres Amtes – nicht jeder einzelnen Person, aber wohl des Amtes – bleibt: Wort und Sakrament sind grundlegend für unser Kirchesein. Deshalb ist es gute Tradition in manchen Kirchen, dass sich die Pfarrerinnen und Pfarrer vor Ostern zum Abendmahl treffen. Zur Vergewisserung. Auch, um sich vor den drei heiligen Tagen selbst zu stärken an Wort und Sakrament.

Die Versuchungen in unserem Leben, die Wanderung durch die Wüste, die Verlockung von Brot, Wirksamkeit und Schutz – wir sind nicht allein damit. Wir sind in der Gemeinschaft unserer Gemeinden, unserer Kirche, auch in dieser Verbundenheit unter Pfarrerinnen und Pfarrern. Und wir wissen Jesus selbst an unserer Seite, der mit uns geht und uns hilft (Hebr 2,18+4,16):

Denn da er selber gelitten hat und versucht worden ist, kann er helfen denen, die versucht werden. Darum lasst uns freimütig hinzutreten zu dem Thron der Gnade, auf dass wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden und so Hilfe erfahren zur rechten Zeit.

Ja, damit wird das Leben leichter. Und da sind meine drei Sätze wieder, die ich nicht aus dem Sinn verlieren will:

Du wirst geliebt.
Das Leben ist absurd.
Es ist schwer, Mensch zu sein.

Amen.


(1) Kate Bowler, A blessing for being human, https://katebowler.com/downloa... (meine Übersetzung).

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