03/04/2026 0 Kommentare
Predigt zum Karfreitag
Predigt zum Karfreitag
# Predigten Superintendent

Predigt zum Karfreitag
Lesung: Johannes 19,16–30
Früher am Vormittag.
Pilatus nahm Jesus und ließ ihn geißeln. Die Soldaten flochten einen Kranz aus Dornen; den setzten sie ihm auf das Haupt und legten ihm einen purpurroten Mantel um. Sie traten an ihn heran und sagten: Sei gegrüßt, König der Juden! Und sie schlugen ihm ins Gesicht. Pilatus ging wieder hinaus und sagte zu ihnen: Seht, ich bringe ihn zu euch heraus; ihr sollt wissen, dass ich keine Schuld an ihm finde. Jesus kam heraus; er trug die Dornenkrone und den purpurroten Mantel. Pilatus sagte zu ihnen: Seht, der Mensch! (Joh 19,1–8)
Sehet, welch ein Mensch.
Mir geht das Bild nicht aus dem Kopf, liebe Gemeinde. Der kleine Junge liegt mit dem Kopf im Sand, die Wellen spielen um seine Beine. Das T-Shirt rot, die Hose blau, die Turnschuhe noch an den Füßen. Eine türkische Fotografin hat ihn gefunden, den dreijährigen Alan Kurdi, ertrunken bei der Flucht im Mittelmeer, angespült an den Strand bei Bodrum. Wenig entfernt liegt sein toter Bruder Ghalib, fünf Jahre alt, zwischen beiden die ebenfalls ertrunkene Mutter Rehanna. Ich habe das Bild lange nicht gesehen, weil ich es nicht ertragen kann. Und doch hat es sich eingebrannt in die Netzhaut und ins Gedächtnis.
Der türkische Präsident Erdoğan hat nach dem Tod von Alan Kurdi gesagt: „Die Leiche eines dreijährigen Kindes wurde an unserer Küste angespült. Muss nicht die gesamte Menschheit dafür verantwortlich gemacht werden?“
Alan Kurdi. Seht, der Mensch!
Eine namenlose Frau wird auf einer Trage durch die Trümmer des Krankenhauses getragen. Nach einem russischen Bombenangriff auf die Geburtsklinik in Mariupol wurde sie in ein anderes Krankenhaus verlegt. Das Kind kommt still zur Welt, ohne Lebenszeichen. Bei dem Bombenangriff wurde das Becken der Mutter zertrümmert, die Hüfte ausgerenkt. Die Ärzte berichten, sie wollte ihr Leben geben für das Baby. Am Ende war es für beide zu spät. Die Ärzte konnten die Namen der Frau und des Kindes nicht aufschreiben, bevor der Vater beide abgeholt hat.
Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit stuft den Angriff auf das Kinderkrankenhaus und die Geburtsklinik ganz klar als Kriegsverbrechen ein.
Die Mutter von Mariupol. Seht, der Mensch!
Am Karfreitag 1945 haben die Nazis in Dortmund fast 200 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter umgebracht. Die Alliierten hatten bereits große Teile des Ruhrgebiets erobert. Der "Ruhrkessel" wurde geschlossen. Die deutschen Behörden hatten die Kontrolle längst verloren. Trotzdem waren noch immer viele Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in den Gefängnissen der Gestapo eingekerkert. Kurz vor der Befreiung haben die Nazis sie umgebracht, die meisten erschossen.
Die Opfer der Karfreitagsmorde. Siehe, der Mensch.
Liebe Gemeinde, sicher fallen uns noch mehr Bilder und Begebenheiten ein, wo einzelne Menschen plötzlich symbolisch für die ganze Menschheit standen. Vielleicht erinnern Sie sich an den fünfjährigen Jungen mit der blauen Mütze, der in Amerika kürzlich von der Einwanderungspolizei verschleppt wurde. Oder an die ukrainischen Männer, die Ihren Frauen und Kindern nachwinkten, als sie mit dem Bus auf die Flucht gingen. Seht, der Mensch.
Wenn wir heute Karfreitag feiern und am Kreuz Christi über die Welt nachdenken und über das Menschsein, dann wird klar: Das Kreuz ist nicht brutaler als das Mittelmeer oder eine russische Fliegerbombe. Das Kreuz ist das Mittelmeer und das Kreuz ist eine russische Fliegerbombe. Der Karfreitag ist deshalb so ehrlich, weil wir das Sterben und die Brutalität, die Verantwortungslosigkeit und die Angst aus unserem Alltag kennen. Solche schrecklichen Erfahrungen haben wir alle gemacht. Das alles gehört zum Menschsein dazu. Seht, der Mensch.
Und es sind gleichzeitig Menschen, die so viel Elend über andere Menschen bringen. Seht, der Mensch.
Der Predigttext, der für heute vorgeschlagen ist, kommt aus dem 2. Korintherbrief und erzählt von der Versöhnung. Lasst euch versöhnen mit Gott, heißt es da.
Liebe Gemeinde, da bin ich heute noch nicht angekommen. Es ist so leicht, am Karfreitag direkt das Aber anzuschließen. Es ist so leicht, die Stimme oben zu lassen, weil der Satz nicht endet, sondern weitergeht. Als ob wir sprachlich schon andeuten wollen, dass es danach noch weitergeht: „Und neigte das Haupt und verschied.“ Dabei endet die Geschichte da.
Und oft fühlt es sich im Leben genauso an. Die Geschichte endet da, beim Mensch sein. Vielleicht mit dem Krebs, der nach und das das Leben raubt, bis nichts mehr übrig ist. Vielleicht mit chronischem Schmerz, der den Alltag unmöglich macht. Vielleicht mit der Einsamkeit, der Depression, vielleicht mit der Gewalt.
Heute ist der Tag, an dem es keinen Trost gibt. Das Leben ist absurd. Es ist schwer, Mensch zu sein.
Und, das aber immerhin: Jesus selbst geht dem Leid und dem Schmerz und dem Tod nicht aus dem Weg. Wenn ich möchte, dass einer mit mir geht und die Welt mit mir zusammen erträgt, dann sehe ich ihn hier. Seht, der Mensch.
Ich wart', dass einer mit mir geht,
der auch im Schweren zu mir steht,
der in den dunklen Stunden mir verbunden.
Ich wart', dass einer mit mir geht. (EG 209,2)
Einer geht mit – an mein Kreuz. Und wenn ich an die Bilder denke, die mir nicht aus dem Kopf gehen, dann brauche ich ihn heute gar nicht. Ich brauche die Gewissheit – und ich glaube, dass am Karfreitag von Alan Kurdi Jesus auch ertrunken ist. Dass Jesus am Karfreitag der namenlosen Mutter von Mariupol auch gestorben ist. Dass Jesus mit dir leidet, wenn du leidest und mit dir stirbt, wenn du stirbst.
Ob es eine Hoffnung gibt, auf ein Leben danach – heute weiß ich das nicht. Heute ist der eine Tag, da weiß ich das nicht.
Gott liebt die Welt so sehr, dass er Mensch geworden ist. Und wenn der Heilige als Mensch stirbt, dann wird das menschliche Sterben heilig. Führe ich gen Himmel, so heißt es im Psalm (139,8), so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da. So groß ist Gottes Liebe.
Heute ist der Tag, an dem es keinen Trost gibt. Heute brauche ich keine Hoffnung auf Auferstehung. Aber das eine, das will ich euch heute sagen, ihr Lieben: Im Leben und im Sterben gehörst du nicht dir, sondern Jesus Christus. Im Leben und im Sterben ist er da und lässt dich nicht allein.
Das Leben ist absurd. Es ist schwer, Mensch zu sein. Und: Du bist geliebt.
Seht, der Mensch.
Amen.
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