07/11/2025 0 Kommentare
Schichtwechsel im Kirchenkreis
Schichtwechsel im Kirchenkreis
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Schichtwechsel im Kirchenkreis
An diesem Morgen führt der Weg zur Arbeit für Superintendent Steffen Riesenberg nicht wie üblich in das Gladbecker Büro. Mit Arbeitsschuhen und einer warmen Jacke fährt er nach Dorsten ins Werkhaus III des Diakonischen Werkes. Für einen Tag wird der leitende Pfarrer des Kirchenkreises in der Werkstatt für Menschen mit und ohne Beeinträchtigung arbeiten. Im Werkhaus III arbeiten vor allem Menschen mit psychischen Erkrankungen.
Zeitgleich wird Werner Strecker an seinem Zuhause in Bottrop abgeholt. Uwe Gill vom Diakonischen Werk und Pfarrerin Anke-Maria Büker-Mamy begleiten ihn, wenn er für einen Tag in die Rolle des Superintendenten schlüpft. Mit einem großen Bus machen sie sich auf den Weg.
Der Schichtwechsel ist ein deutschlandweiter Aktionstag, um Einblicke in verschiedene Arbeitswelten zu ermöglichen und Barrieren zwischen Menschen mit und ohne Behinderung abzubauen. Die Aktion soll Begegnungen auf Augenhöhe schaffen und das gegenseitige Verständnis fördern. Im Rahmen des Aktionstages Schichtwechsel haben Mitte Oktober rund 4.200 Menschen, darunter mehr als 2.400 Werkstattbeschäftigte mit Behinderungen und rund 1.800 Mitarbeitende aus Unternehmen des allgemeinen Arbeitsmarktes, ihre Arbeitsplätze getauscht. Im Kirchenkreis waren zum Bespiel der Geschäftsführer eines Autohauses aus Kirchhellen, ein Redakteur der Bottroper WAZ und die Gleichstellungsbeauftragte der Stadtverwaltung mit dabei. Selbst Bottrops Oberbürgermeister Bernd Tischler gab für ein paar Stunden die Verantwortung an Selin Derin ab. Die 28-jährige ist Werkstattratsmitglied der Bottroper Werkstätten. Normalerweise unterstützt sie die Gruppenleitung und das Betreuungspersonal im Autismus-Bereich der Rheinbabenwerkstatt.
Superintendent Riesenberg ist derweil im Werkhaus III angekommen. Bei einem Kaffee erzählt Werkstattleiter Johannes Brockes von seinen Mitarbeitenden und den Arbeiten. Von einfachen Montagearbeiten bis zu komplizierten Computerprozessen wird alles erledigt. Die Beschäftigten werden darüber hinaus geschult und fortgebildet: Sie lernen Gabelstaplerfahren oder wie ein Lager funktioniert, sie lernen kleine und große Maschinen zu bedienen und sich auf Qualität zu konzentrieren. Das übergeordnete Ziel ist, eine gute Arbeit zu haben und sich gegebenenfalls für den so genannten „ersten Arbeitsmarkt“ zu qualifizieren. Riesenberg beginnt an einem großen Tisch mit Plastikteilen, die zusammengesteckt und kontrolliert werden müssen. Später werden Duftsprüher daraus, die auf der Toilette oder im Keller für gute Luft sorgen sollen. Mit am Tisch sitzt Jürgen, der das doppelt so schnell macht wie Riesenberg. Er sagt: „Bei dieser Arbeit kann ich gut entspannen und der Kopf kommt runter.“ Hinten in der Halle werden Drucker repariert. Eine Firma leitet die Rückläufer ans Werkhaus weiter: Einfache Fehler können die Mitarbeitenden sofort beheben, und jeder Schritt wird in einem Computersystem dokumentiert. Später werden noch Ersatzteile für die Wartung großer Bagger sortiert und eingepackt. Aus kistenweise Einzelteilen entstehen so Sets, mit denen die Monteure auf der Baustelle schnell ein großes Bauteil warten können.
Werner Stecker ist unterdessen bei der Arche Noah angekommen. In seiner Rolle als Superintendent besucht er die ökopädagogische Jugendeinrichtung und kommt mit den Mitarbeitenden ins Gespräch. Später begleitet eine Andacht in der neu gebauten Kita „Arche Noah“. Sie ist barrierefrei, das kommt Werner Strecker, der Rollstuhl fährt, gut zu Pass. Nach der Andacht tauscht er sich mit den Kindern und den Mitarbeiten aus und bekommt eine Führung durch das neue Gebäude am Südring. Danach geht es mit dem Bulli nach Gladbeck in die Superintendentur, wo die Mitarbeiterinnen Werner Strecker mit Kaffee und Keksen begrüßen.
Der Arbeitstag geht viel zu schnell zu Ende. Am Nachmittag treffen sich alle Tauschpartner und Paten zu einem gemeinsamen Abschluss in der Rheinbabenwerkstatt in Bottrop. Die Band aus dem Dorothea-Buck-Haus steuert die Musik bei, und Geschäftsbereichsleiter Arnd Schreiner dankt allen, die beim Schichtwechsel mitgemacht haben. Bei der Gelegenheit lernen sich Werner Strecker und Steffen Riesenberg dann auch persönlich kennen – und verstehen sich sehr gut. Sie sind sich einig darüber, wie interessant die Einblicke in die Arbeitswelt des jeweils anderen waren. Uwe Gill und Anke-Maria Büker-Mamy scherzen, dass Werner Strecker als Urlaubsvertretung gerne wieder in den Kirchenkreis kommen dürfe.
In einem Grußwort bedankt sich Bottrops Schul- und Sozialdezernentin Karen Alexius-Eifert herzlich bei allen Teilnehmenden und dem Diakonischen Werk: „Ich finde es total toll, dass dieser Schichtwechsel Menschen ermöglicht zu sehen, was die Bottroper Werkstätten der Diakonie so alles machen, einen Einblick zu gewähren, aber natürlich auch ihnen als Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Werkstatt noch einmal Einblicke in die Verwaltung, in das Handwerk und in den Handel zu geben.“
Superintendent Steffen Riesenberg berichtet von seinen Erfahrungen aus der Werkstatt: „Braucht jemand eine Pause, nimmt er sie. Langweilt die Arbeit, hilft man in einer anderen Abteilung weiter. Der Hund einer Sozialarbeiterin freut sich, wenn jemand einen Spaziergang machen möchte. Mich berührt das: Arbeit, bei der man nicht krank wird, sondern gesund bleiben und werden kann. Kolleginnen und Kollegen, die sich nichts vormachen, sondern mit ihrer Erkrankung und ihren Grenzen offen umgehen. Da können wir viel lernen in unseren Kirchen, Autohäusern, Zeitungsredaktionen und Rathäusern.“
Zum Abschluss gibt es einen Imbiss, kalte Getränke, Kaffee und Kuchen. Das passt, denn die Tischgemeinschaft und der Austausch über Gott und die Welt gehört an beiden Arbeitsplätzen fest dazu: in der Superintendentur genauso wie im Dorstener Werkhaus.
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