09/05/2026 0 Kommentare
Trauerpredigt
Trauerpredigt
# Predigten Superintendent

Trauerpredigt
Trauerpredigt für Pfarrer Martin Rödel
Pauluskirche Kirchhellen, 9. Mai 2026
Da ringen zwei. Zwei ringen, am Ufer eines Flusses, mitten in der Nacht. Die Arme ineinander verschränkt, sie halten einander an den Schultern, zerren, schieben und drücken. Versuchen, den jeweils anderen zu übermannen. Dann tanzend, dann erbittert.
Da ringen zwei. Die halten einander auch fest. Die hängen auch aneinander. Die lassen einander nicht los. Der eine nicht das Werk seiner Hände. Niemals. Der andere nicht seinen Gott.
Jakob war als junger Mann vor seinem Bruder Esau geflohen und hatte es zu etwas gebracht. Er will sich versöhnen und kehrt zurück. Auf dem Weg liegt die Furt, eine Schlucht, am Fluss Jabbok. Mitten in der Nacht zieht die Karawane hindurch. Und Jakob bleibt alleine zurück.
Es gibt Wege im Leben, die muss man alleine gehen.
Da rang einer mit ihm, bis zur Morgenröte. Offenbar vermag keiner, den jeweils anderen zu besiegen. Ein Schlag auf die Hüfte markiert Jakob für sein Leben, seitdem hinkt er, bringt aber auch keinen Sieg. Als der Tag anbricht sagt der eine: Lass mich gehen. Und Jakob antwortet: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.“ Am Ende dieses nächtlichen Kampfes stehen nicht Sieg oder Niederlage, sondern Segen.
Martin, ihr Lieben in dieser Trauergemeinde, hat diesen Text gemocht. Er hat mir viel davon erzählt, und er hat viel darüber nachgedacht, was das bedeutet: Wenn das Lebensgespräch mit Gott manchmal auch ein Kampf mit Gott ist. Martin hat gesagt: „Jakob und seine Gotteserfahrung haben mit mir zu tun. Segen muss manchmal errungen werden.“
Die Arme ineinander verschränkt, sie halten einander an den Schultern, zerren, schieben und drücken. Versuchen, den jeweils anderen zu übermannen. Dann tanzend, dann erbittert.
Da ringen zwei. Die halten einander auch fest. Die hängen auch aneinander. Die lassen einander nicht los. Der eine nicht das Werk seiner Hände. Niemals. Der andere nicht seinen Gott.
Martin Rödel wurde 1967 in Bochum geboren. Viele Goldkörner gab es auf seinem Lebensweg, so hat er es mal gesagt, und manchen schweren Felsbrocken auch.
Die Musik, die ihn von Anfang an begeistert hat. Er war Kirchenmusiker, hat Chöre geleitet und gute Kirchenmusik gerne gehört. Die Musik Johann Sebastian Bachs hat ihn bis zum Ende bewegt, erhoben und getröstet. Seine Patenkinder, die er begleitet hat. Wenn er von den Tagen und Wochen mit euch erzählt hat, haben seine Augen geglänzt. Und natürlich du, Kerstin: Das hat Martin als großes Glück empfunden, dich als seine Frau zu haben. Ihr wusstet die Zeit miteinander zu füllen, mit Worten, Musik und Stille. Seine Hände. Deine Stimme. Das war schön, so.
Felsbrocken gab es auch: Martins chronische Erkrankung hat ihn beschäftigt und ihm manchmal arg enge Grenzen gesetzt. Zwei Mal die Sorge um Kerstin und dann die Sepsis und die Zeit im künstlichen Koma. Da haben wir alle gebangt. Es war ein schwerer Weg, das hinter sich zu lassen.
Martin konnte ein Grübler sein, vertieft in seine eigenen Gedanken. Manchmal zweifelte er, vor allem an sich selbst: „Es geht darum, dran zu bleiben und zu ringen bei seiner Suche nach Gottesbeziehung, seinem Lebensgespräch mit Gott, auch gegen Widerstände.“ Denn Pfarrer sein heißt auch: Geben mit leeren Händen. Und leere Hände sind schwer auszuhalten.
Und dann war er wieder so lebensfroh: Auf dem Hausboot in Holland, unterwegs mit dem Hund, technikbegeistert mit dem Fotoapparat unterwegs. Über neue Apple-Geräte immer gut informiert. Mit zerzausten Haaren im BMW-Cabrio unterwegs. Mit einem Retsina beim Griechen. Wenn Martin etwas mochte, hat er einen Smilie draufgeklebt. Wohl denen, die Martin Rödel ins Herz geschlossen hatte. Er war treu in seinen Freundschaften und seiner Zuneigung.
Im Kirchenkreis und in der Kirchengemeinde erinnern wir uns an die ruhige und zugewandte Art, mit der Martin gearbeitet hat. Seine Arbeit galt besonders den Kindern und Jugendlichen. In der Konfiarbeit und darüber hinaus in der Ausbildung und Begleitung von Teamerinnen und Teamern hat er sich engagiert. Ich erinnere mich an beherzte Diskussionen darüber, wieso nicht alle Teamerinnen und Teamer aufs Konficamp mitfahren können…
Martin war geistlicher Begleiter. Das Sitzen in der Stille, das Loslassen, das Annehmen und sich Überlassen hat er geübt. Gekonnt hat er es nicht ganz. Und doch hat er uns mitgenommen in die Schriftmeditation, in Tage der Stille, in 48 Stunden Luft. Dann und wann hat er uns teilhaben lassen an seinem Ringen mit Gott.
Johann Sebastian Bach hat die Erzählung von Jakob am Jabbok vertont. Eine Motette, etwa sechs Minuten lang. Sie endet mit dem Vers: „Meinen Jesus lass ich nicht“. Nun brauchen die Texte aus dem Ersten Testament keine nachträgliche Taufe. Und doch: Wir Christinnen und Christen lesen es ja mit den Augen des Glaubens. Der uns festhält, der an dem wir uns festhalten, ist Jesus Christus.
Es wird sich für Martin in den letzten Wochen nicht so angefühlt haben. Er hat das ausgehalten, dass Glaube sich nicht immer richtig anfühlt. Es geht nicht ums Gefühl, sondern ums Vertrauen. Und das macht es so schwer, trotzig daran festzuhalten: Meinen Jesus lass ich nicht.
Jakob wird geschlagen. Ab jetzt hinkt er. Hinken als Synonym fürs Geschlagenen, für Behinderung, Verletzung, Narben – und davon hatte Martin einige. Martin meinte, Hinken sei keine Schande, sondern eine Zeichnung, gar eine Auszeichnung. Vielleicht liegt darin der Wert des Segens, dass er Hingabe als Antwort will.
Am 29. April stirbt Martin in Bottrop. Auf seinem Nachttisch im Krankenhaus liegt ein blaues Herz aus Pappe, von eurer Hochzeit noch. Ein Esel steht da, sein Lieblingstier. Eine Powerbank, mit einem Smilie drauf. Die AirPods. Zwei Kreuze aus Holz. Zwei Mäuse – die sind euer Geheimnis. Eine Kerze und eine Blume.
Bei der Aussegnung singen wir „Die Nacht ist vorgedrungen“. Denn trotz allen Dunkels und aller Fragen ist da Licht. Viele von euch können erzählen, dass sie von Martin mal ein Licht bekommen haben. Eine Kerze, vielleicht auch eine Taschenlampe oder ein anderes Licht. Gott ist Licht. Das war seine Hoffnung und seine Sehnsucht.
Zwei ringen in der Nacht, bis zur Morgenröte. Goldklumpen und Felsbrocken. Zweifel und Lebensfreude. Dunkel und Licht. Aber keine Finsternis bei Gott. Vorsichtiges, trotziges Vertrauen. Ein Lebensgespräch. Da ringen zwei. Die halten einander auch fest. Die hängen auch aneinander. Die lassen einander nicht los. Der eine nicht das Werk seiner Hände. Niemals. Der andere nicht seinen Gott: Meinen Jesus lass ich nicht.
Am Ende, liebe Trauergemeinde, geht die Sonne auf. Ein neuer Tag bricht an mit der Morgenröte am Horizont. Über der Furt des Jabbok. Über Jakob und seinem Gott. Sie lassen los. Ein Segen wird gesprochen, und dann geht er hinüber. Lebendig, geschlagen – und gesegnet.
Ein neuer Tag bricht an mit der Morgenröte am Horizont. Am äußersten Meer. Auch dort wird Gott uns führen und halten. Über dem leeren Grab am ersten Ostermorgen. Da, wo Martin Rödel jetzt ist. Über dir und mir, so wie heute auch morgen früh wieder, und einmal und dereinst: für immer.
Bis dahin bleibt mir nur eins: Mich auf dein Versprechen zu verlassen bis die Dämmerung kommt und der Morgenstern aufgeht. Du hast die Nacht mit deiner Nähe erfüllt, meine Angst zu deiner Angst gemacht, meine Einsamkeit zu deiner Einsamkeit, mein Rufen zu deinem Rufen. Ich glaube das. Nicht, weil es sich so anfühlt, sondern, weil du es versprochen hast. (1)
Amen.
(1) Gebet von Olov Hartmann, meine Übersetzung.
Kommentare