Was bleibt von 35 Jahren Rumänienhilfe?

Was bleibt von 35 Jahren Rumänienhilfe?

Was bleibt von 35 Jahren Rumänienhilfe?

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Was bleibt von 35 Jahren Rumänienhilfe?

Als Dietmar Chudaska in diesem Sommer nach Siebenbürgen reist, führt ihn sein Weg zunächst nach Michelsberg. Bei einer Begegnungswoche mit evangelischen Gemeindegliedern erlebt er eine Region, in der deutsche Geschichte, evangelischer Glaube und rumänische Gegenwart bis heute eng miteinander verwoben sind. Doch die eigentliche Reise beginnt erst danach. Sie führt ihn durch Dörfer und Kleinstädte zwischen Kronstadt und Hermannstadt, zu Menschen, die seit Jahrzehnten soziale Projekte tragen, und zu Orten, an denen die Folgen der politischen Umbrüche nach 1989 noch immer sichtbar sind. Ausgangspunkt vieler Begegnungen ist die Frage: Was ist aus den Hilfsprojekten geworden, die vor 35 Jahren in Nordrhein-Westfalen angestoßen wurden?

Eine erste Antwort findet sich in Deutsch-Tekes, einem Dorf etwa eine Autostunde von Kronstadt entfernt. Hier lebt heute Johann Stefani, einst Pfarrer in Nordrhein-Westfalen und eine prägende Figur der Rumänienhilfe. Vor gut drei Jahren beschrieb ihn die deutschsprachige Zeitung Rumäniens mit der Überschrift „Vom Seelenhirten zum Büffelhirten“. Tatsächlich sind Wasserbüffel heute Teil seines Alltags. Nach dem Theologiestudium in Deutschland, Stationen in Dülmen und Bocholt sowie fast drei Jahrzehnten als Pfarrer in Oer-Erkenschwick kehrte er im Ruhestand auf den elterlichen Hof zurück. Wo früher Gemeindearbeit den Tagesablauf bestimmte, gehören heute Hühner, Gänse, Hunde und fünf Wasserbüffel zum Bild.

Die Rückkehr Stefanis nach Siebenbürgen ist zugleich eng mit der Geschichte der Rumänienhilfe verbunden. Seine Herkunft aus der Gemeinschaft der Siebenbürger Sachsen und die Verbundenheit mit seiner alten Heimat führten dazu, dass er sich nach dem Ende der kommunistischen Diktatur früh engagierte. Gemeinsam mit Unterstützern in Deutschland entstand der Verein TranSilvania e.V. – Partner für Rumänien. Auf rumänischer Seite wurde mit NOWERO ein Partnerverein gegründet. Der Name steht für Nordrhein-Westfalen und România und verweist auf die bis heute bestehende Verbindung beider Regionen. Koordiniert wird die Arbeit seit Jahrzehnten von Karl Hellwig in Rupea.

Um zu verstehen, warum diese Hilfe damals notwendig war, lohnt ein Blick zurück. Als die Ceaușescu-Diktatur Ende 1989 zusammenbrach, befand sich Rumänien in einer schwierigen Situation. Die medizinische Versorgung litt unter jahrzehntelanger Mangelwirtschaft. Gut ausgebildete Ärztinnen und Ärzte waren vorhanden, häufig fehlten jedoch Medikamente, Geräte und Material. Zu den ersten großen Projekten von TranSilvania gehörte deshalb der Umbau zweier Überseecontainer zu einer mobilen Zahnklinik mit Zahnersatzlabor. Johann Stefani begründete dies bereits Anfang der neunziger Jahre mit dem schlechten Zustand der zahnmedizinischen Versorgung. Berichte über Kinder, die Seife gegen Zahnschmerzen in den Mund nahmen, machten damals das Ausmaß des Problems deutlich.

Gleichzeitig hatte die Bevölkerungspolitik des früheren Regimes tiefe soziale Verwerfungen hinterlassen. Die staatlich verordnete Geburtensteigerung führte zu überforderten Familien, während Verhütungsmittel und Aufklärung verboten waren. Nach dem Ende der Diktatur lebten zehntausende Kinder in überfüllten Heimen, viele andere auf der Straße. Die Rumänienhilfe reagierte mit dem Bau eines Mädchenheims in Rupea, verbunden mit Ausbildungsangeboten, die jungen Menschen eine Perspektive eröffnen sollten.

Eine weitere Herausforderung betraf die Gemeinschaft der Siebenbürger Sachsen. Über Jahrhunderte hatten sie ein dichtes soziales Netzwerk aufgebaut. Nach der politischen Wende wanderten jedoch Zehntausende nach Deutschland aus. Ganze Dorfgemeinschaften verloren innerhalb weniger Jahre einen Großteil ihrer Einwohner. In Michelsberg schildert Michael Henning gegenüber Chudaska, wie stark die frühere Nachbarschaftskultur gewesen sei. Hochzeiten, Feste und gegenseitige Hilfe wurden gemeinschaftlich organisiert. Mit der Ausreise vieler Familien verschwanden diese Strukturen weitgehend. Besonders ältere Menschen blieben häufig allein zurück.

Aus dieser Situation heraus entstand eines der bedeutendsten Projekte: der Aufbau eines Altenheims. Anfangs stieß die Idee auf Skepsis. Altenheime galten ähnlich wie Waisenhäuser als Orte, an denen Menschen abgeschoben würden. Dennoch begann der Ausbau eines ehemaligen Pfarrhauses. Als Teilnehmer einer von Oer-Erkenschwick aus organisierten Reise 1998 die Einrichtungen besuchten, konnten sie bereits sehen, welche Veränderungen die Unterstützung bewirkt hatte. Die Einweihung des Mädchenheims und des Altenheims wurde damals zu einem sichtbaren Zeichen des gemeinsamen Engagements.]

Heute führt die Reise von Dietmar Chudaska zunächst nach Rupea. Die restaurierte evangelische Kirche wirkt wie ein Symbol für die Entwicklung der letzten Jahrzehnte. Die Evangelische Kirche A.B. in Rumänien zählt heute rund 10.500 Mitglieder, die von 34 Pfarrerinnen und Pfarrern betreut werden. Auch wenn vielerorts nur kleine Gruppen zusammenkommen, finden weiterhin regelmäßig Gottesdienste statt, oftmals über große Entfernungen hinweg. Michael Henning beschreibt die Situation der Kirche als schwierig, zugleich aber von neuer Zuversicht geprägt. Die tiefe Verunsicherung der frühen neunziger Jahre sei einer lebendigen Minderheit gewichen, die ihren Platz gefunden habe.

In Rupea trifft Chudaska auch Karl Hellwig. Der 81-Jährige ist weiterhin das organisatorische Zentrum von NOWERO. Während des Gesprächs klingelt immer wieder sein Mobiltelefon. Besucher aus Deutschland kommen und gehen, Termine werden abgestimmt, Projekte koordiniert. Unter seiner Leitung beschäftigt NOWERO inzwischen zwölf Mitarbeitende. Schon vor der Kirche zeigt sich die praktische Arbeit des Vereins: Eine Handwerkergruppe repariert Fallrohre und Dachpfannen am Gemeindehaus. Auf der Straße begegnet ein Fahrzeug mit der Aufschrift „Essen auf Rädern“ – ebenfalls Teil des Hilfsnetzes.

Die Fahrt führt weiter nach Schweischer, rumänisch Fișer. Dort befindet sich das Seniorenheim, das aus den frühen Hilfsprojekten hervorgegangen ist. Leiterin Mihaela Aldea berichtet von 32 Bewohnerinnen und Bewohnern. Viele von ihnen verfügen nur über geringe Renten. Spenden und Zuschüsse der Kirche helfen dabei, die Kosten zu tragen. In den vergangenen Jahren wurden zum ursprünglichen Gebäude zwei Neubauten hinzugefügt. Die Atmosphäre wirkt nicht wie die einer reinen Pflegeeinrichtung. Gemeinschaftsräume, gemeinsame Aktivitäten und regelmäßige Gottesdienste prägen den Alltag.

Gleichzeitig wird deutlich, vor welchen Herausforderungen ländliche Regionen Rumäniens weiterhin stehen. Ein flächendeckendes Bestattungswesen existiert vielerorts nicht. Deshalb wurde eine ehemalige Stallung zu einem Abschiedsraum umgebaut. Die Mitarbeitenden begleiten die Bewohnerinnen und Bewohner bis an ihr Lebensende und übernehmen Aufgaben, die andernorts selbstverständlich erscheinen. Unter einer überdachten Terrasse erinnern Schilder an Unterstützer aus Deutschland, darunter der Evangelische Kirchenkreis Recklinghausen und dessen Ausschuss für Ökumene, Mission und Weltverantwortung. Sie stehen stellvertretend für zahlreiche Gemeinden, Vereine und Einzelpersonen, die die Arbeit über Jahrzehnte hinweg begleitet haben.

Auch das ehemalige Mädchenheim besteht noch, wenn auch in veränderter Form. Gesetzliche Änderungen erlauben keine dauerhafte Unterbringung Jugendlicher mehr. Heute dient die Einrichtung als Tageszentrum für Kinder und Jugendliche. Früh wurde erkannt, dass Bildung eine Schlüsselrolle spielt. Neben der Ausbildung von Friseurinnen und Näherinnen entstand später eine Holzwerkstatt, in der jungen Menschen Grundlagen für handwerkliche Berufe vermittelt werden. Ein Satz am Schwarzen Brett bringt das Anliegen auf den Punkt: „Es gibt nur eins, was auf Dauer teurer ist als eine gute Ausbildung – keine Ausbildung.“

Die letzte Station der Reise führt zu den ehemaligen Zahnarztcontainern. Was einst als improvisiertes Hilfsprojekt begann, ist heute Teil einer Poliklinik. Die Container werden zu symbolischen Kosten Ärztinnen, Ärzten und Zahntechnikern zur Verfügung gestellt. Einer der Nutzer ist der gehörlose Zahntechniker Bunea Silvio Dorin. Auf einem Schild vor dem Labor steht der Hinweis „Nur Textnachrichten“. Für Karl Hellwig ist dies ein Beispiel dafür, wie langfristige Hilfe wirken kann: Der Container wurde für einen Menschen zum Arbeitsplatz und damit zu einer dauerhaften beruflichen Perspektive.

Die Reise durch Siebenbürgen zeigt schließlich nicht nur die Geschichte eines Hilfsvereins, sondern auch die Entwicklung einer ganzen Region. In den vergangenen 35 Jahren wurden mehr als 160 Transporte mit über 2.000 Tonnen Hilfsgütern aus Nordrhein-Westfalen nach Rumänien gebracht. Gemeinden, Vereine und Privatpersonen aus zahlreichen Städten beteiligten sich daran. Doch inzwischen haben sich die Rahmenbedingungen verändert. Rumänien gehört zur Europäischen Union, die Beschaffung von Spenden wird schwieriger, und vielerorts fehlt der Nachwuchs für die Vereinsarbeit. Deshalb beschlossen die Mitglieder von TranSilvania e.V. im Sommer, den Verein aufzulösen.

Das Ende des Vereins bedeutet allerdings nicht das Ende der Hilfe. Das Seniorenheim wird von der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien getragen, NOWERO setzt seine Arbeit fort. Teile des Vereinsvermögens sollen die Ausbildungsprojekte in den Bereichen Holzverarbeitung und Mechanik absichern. So bleibt von 35 Jahren Unterstützung mehr als eine Erinnerung. Die Gebäude stehen, Menschen arbeiten dort, Kinder werden gefördert und ältere Menschen begleitet. Wer heute durch Siebenbürgen reist, findet vielerorts sichtbare Spuren eines Engagements, das einst mit einigen wenigen Unterstützern begann und über Jahrzehnte hinweg das Leben vieler Menschen geprägt hat.

DC/SR/KI

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