Predigt zum Reformationstag

Predigt zum Reformationstag

Predigt zum Reformationstag

# Predigten Superintendent

Predigt zum Reformationstag

Reformationsfest, 31.10.2026
Christuskirche Gladbeck

Vom ersten Atemzug nach der Geburt lernen wir, dass die Welt gefährlich ist. Wir lernen, dass wir Angst haben müssen vor dem Fremden, manchmal sogar vor denen, die uns ganz nahe sind. Angst, die manchmal – aber nicht immer – wichtig ist fürs Überleben. Manche Politikerinnen und Politiker machen sich unsere Angst zu Eigen: Angst vor dem, was fremd ist – oder denen, die fremd sind. Angst vor der Zukunft. Angst vor Veränderung. Angst vor dem Aufbruch. Angst ist ein entscheidendes Argument in der Wirtschaft und, wie die Wahlen in diesem Jahr gezeigt haben, immer mehr auch in der Politik.

Dazu kommen die Ängste, die jeder einzelne heute in seinem Herzen mit in die Kirche gebracht hat: Angst vor einer grausamen Krankheit und dem Leiden, das die Behandlung unweigerlich mit sich bringt. Angst, einen geliebten Menschen zu verlieren, weil er alt wird oder weil sie im Krankenhaus liegt. Angst, die Arbeit zu verlieren. Angst und Unsicherheit, wie alles werden soll in Zukunft. 

Das gilt auch für die Kirche selbst: Ich bin 1997 konfirmiert worden und seit dem ist die evangelische Kirche im Krisenmodus: Immer weniger kommen in den Gottesdienst, immer mehr treten aus, immer weniger Eltern lassen ihre Kinder taufen, immer weniger studieren Theologie… Eine Kirche, die immer den Mangel bearbeitet: an Mitgliedern, an Geld, an Bedeutung (oder wie wir manchmal so schön sagen: Relevanz), an christlichem Wissen. Da kann einem leicht Angst und Bange werden um die Kirche.

Jesus weiß, dass unsere Angst es uns schwer macht, ihm nachzufolgen: als Kirche, aber auch jedem einzelnen.

Seine Jünger haben voller Mut ihrer Familien und Häuser verlassen und sich mit ihm auf den Weg gemacht um der Welt die frohe Botschaft zu sagen: Gottes Reich ist nahe! Wer das tut, ganz ohne Angst, der kommt unweigerlich in Konflikt mit den Mächten der Welt. Das ging den ersten Christen im Römerreich so. Wer außer Gott keine Autorität für sein Leben mehr anerkennt, der kommt in Konflikt mit dem Kult um den Kaiser. Es ist ja die Angst, mit der die Kirche im Mittelalter den großen Reibach gemacht hat: Die Angst vor den Qualen des Fegefeuers, vor dem ewigen Totentanz, vor den Qualen der eigenen Eltern oder Kinder. Für Martin Luther kam der Tag, an dem er keine Angst mehr hatte. An dem Tag kam er in Konflikt mit den Mächten der Welt. Die Wahrheit ist ein scharfes Schwert, dass die Mächtigen das Fürchten lehrt.III

„Fürchtet euch nicht“, das ist der Aufruf aus dem Evangelium, das wir gehört haben, „ihr seid viel kostbarer als viele Sperlinge.“

Dass alles offenbar wird, was noch verborgen ist, das ist der Anspruch des Evangeliums: Die Hirten in der Weihnachtsnacht erfahren das als erstes, als die Klarheit des Herrn um sie leuchtet. Da fürchten sie sich sehr! Der Engel sagt ihnen dasselbe, was Jesus den Jüngern – und uns – sagt: Fürchtet euch nicht!

Die Kräfte der Welt sind mächtig, damals wie heute: Und doch soll das Evangelium im Licht weitergesagt und von den Dächern gerufen werden. Denn da, wo das Evangelium im Licht gelebt und wo Jesu Worte weitergesagt werden, entwickeln sie eine ungeheure Kraft. Bei Luther heißt das dann, und wir singen es gleich gemeinsam: 

Der Fürst dieser Welt, / wie saur er sich stellt,
tut er uns doch nicht; / das macht, er ist gericht‘:
Ein Wörtlein kann ihn fällen. 

Die Mächte dieser Welt, die Gewalt und der Hass, sind bedrohliche Kräfte. Sie entscheiden aber nicht über Sein oder Nichtsein, sie haben nicht das letzte Wort über unser Leben. Das letzte Wort hat Gott, der jeden Spatzen liebt und unsere Haare besser kennt als wir selbst. Das letzte Wort hat einer, der uns mit Liebe und Gnade begegnet.

Heute erinnern wir an die Reformation, die vor 509 Jahren ihren Anfang nimmt. Martin Luther schenkt Gott Glauben – oder eigentlich war es anders herum: Gott schenkt Martin Luther Glauben. Die Reformation beginnt mit der Entdeckung eines Schatzes: Gott liebt mich, so wie ich bin. Diese Entdeckung kann Martin Luther nicht für sich behalten können: Gott macht mich frei. In der seiner 62. These heißt das:

Der wahre Schatz der Kirche ist das allerheiligste Evangelium
von der Herrlichkeit und Gnade Gottes.

Das ist mein Wunsch, dass wir diesen Schatz mit neuer Freude und neuer Leidenschaft ins Licht tragen, dass wir diesen Schatz mit neuer Gewissheit von den Dächern rufen. Nicht als eine Kirche in der Krise, sondern als eine Kirche, die auf Gottes Wort gegründet ist. Am Anfang war das Wort, nicht die Kirchensteuer.

Und es ist mein Wunsch, dass wir das zusammen tun. Evangelische und katholische Christen haben so viel gemeinsam erlebt und sich in 500 Jahren noch nie so gut verstanden wie genau heute. Zu meinen Leuten sage ich: Wir können unser Evangelisch-sein nicht nicht mehr mit Abgrenzungen definieren. Katholisch ist nicht das Gegenteil von Evangelisch! 

(Eigentlich sind beides Merkmale für christliche Kirchen überhaupt. Christi Kirche soll evangelisch sein, also gegründet auf der frohen Botschaft von Jesus Christus. Und sie soll katholisch sein, also im Wortsinn allgemein, für alle Menschen da und auf dem Weg zu allen Menschen.

Eigentlich ist die Reformation von Beginn an kein politischer Coup gewesen, kein Umsturz und schon gar nicht der Beginn einer Kirchentrennung. Luther war Seelsorger, er wollte Menschen trösten, die Angst vor Gott hatten, und er hat ausgerechnet bei Gott Trost gefunden, der die Spatzen liebt und die Haare zählt.

Fürchtet euch nicht – in das laute Echo dieses Rufes stimmen wir heute ein. Wir hören die tiefe Stimme des Engels, der es zu Maria sagt, und die hellen Engelschöre, die es in der Weihnachtsnacht singen. Wir hören den Menschen Jesus, der es seinen Jüngern sagt, und wir hören den auferstanden Messias, der durch verschlossene Türen zu den ängstlichen Jüngern kommt. Wir hören Paulus und Augustinus, und wir hören Martin Luther, der es den Menschen zu seiner Zeit weitergesagt hat.

Nur Mut! Gott liebt dich, / so, wie du bist, was auch war oder ist,
er gibt dich nie verlor’n. | Gott liebt dich, /  hört dein Gebet,
wenn dich keiner sonst versteht,
gib niemals auf, /  beginn von vorn.

Das ist unser Schatz. Und jetzt gehen wir in die Welt, und sagen es weiter. Im Licht und von den Dächern. Amen.

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